Eine Begegnung mit der Lebenskünstlerin Petra Schoeps

Ich weiß nicht, wieviel Zeit mir noch bleibt: Denn sie eilt! Denn sie eilt! Petra Schoeps liest den Anfang ihres Gedichtes, das sie vor wenigen Tagen geschrieben hat. „Leider kann man die Zeit nicht anhalten. Aber ich habe noch einmal den Frühling erleben können. Den schönen Mai. Und draußen sind diese zauberhaften Sonnenstrahlen.“ Die zierliche Frau geht zum Fenster und blickt aus dem ersten Stock im Berliner Diakonie-Hospiz Lichtenberg. Vor ihr liegt die Schafweide, auf der sie die kleinen schwarzen Lämmer in ihrem Übermut beobachtet. Aus dem angrenzenden Wäldchen kommen manchmal die Waschbären zu Besuch. Nichts ist hier von der Großstadt zu spüren. Das kleine Hospiz mit seinen zehn Zimmern ist eingebettet in den Landschaftspark des altehrwürdigen Krankrankenhauses Königin Elisabeth-Herzberge.

„Ich bin so dankbar, das ist nicht in Worte zu fassen. Es sind so liebevolle und herzliche Leute, die sich hier um mich kümmern. Anne, Brigitte, Ines, Steffi – es tut gut, dass es diese Menschen mit Herz gibt“, sagt Petra Schoeps. Ein Lächeln von den Hospizbetreuern macht mir Mut. Und tut mir gut, schreibt sie in ihrem Gedichtband.

Bei einer Darmuntersuchung wurde der Krebs entdeckt. Zu spät entdeckt. Mit gerade 62 Jahren ist Petra Schoeps unheilbar krank. „Jeder Abschied fällt schwer, und dieser kommt vielleicht etwas früh. Manchmal ist es nicht einfach. Aber auch der Tod gehört eines Tages zum Leben“, sagt sie mit ruhiger und gefasster Stimme. Dann werden ihre Gesichtszüge weich und entspannt. „Wann, das bestimmt der liebe Gott dort oben.“ Ihr starker Glaube gibt ihr Ruhe.

Noch einmal möchte sie ein Konzert hören draußen auf der Terrasse. Musikstudenten kommen regelmäßig ins Hospiz Lichtenberg. Wie die Pianistin, die neulich Lieder der Beatles spielte. „Ich mag auch Udo Jürgens und die alten Westschlager“, sagt die Frau, die in Schwerin, Zittau und Ostberlin lebte.

Das Laufen fällt Petra Schoeps schwer. Ein Fahrstuhl führt direkt in den Erinnerungsgarten des Hospizes. Bewohner und Angehörige können hier eine Blume pflanzen. Lila blüht der Riesen-Allium, die Maiglöckchen duften süß in der Nase, noch ehe man sie im Beet entdeckt hat. Aus einem Stein plätschert leise das Wasser; laut und lebensfroh sprudelt an Wochentagen das Kinderlachen aus der Kita herüber, die direkt neben dem Hospiz liegt.

„Jetzt bin ich müde.“ Petra Schoeps wendet sich zum Gehen. Zuletzt sagt sie: „Machen Sie noch was! Nutzen Sie das Leben!“ Und hebt die Hand zum Abschied.

Text: Johann Vollmer, Mitarbeiter der Stelle für Presse und Kommunikation – Bethel
Foto: Christian Weische
Quelle: Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, Boten-Geschichte mit Bewohnerin Petra Schoeps